Montag, 31. August 2015

Impressionen

aus Kiew am heutigen Tag, die verdächtig an diverse Handlungen auf dem Euromaidan im Winter 2013/14 erinnern, deren Kenntnisnahme von den Medien gern verweigert wurde. Nun schlagen sie erneut zu, die friedlichen Helden der Revolution ...

Update:

Mittlerweile ist bei den Ausschreitungen vor dem ukrainischen Parlament in Kiew die Rede von einem Toten und mehr als einhundert Verletzten.

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Die Fahnen auf dem letzten Foto gehören zur rechtsextremen Partei Svoboda.

Zum besseren Verständnis

Der Konflikt in der Ostukraine beruht auf mehreren heftigen Gegensätzen: Ethnie, Kultur sowie Lebens- und Arbeitsweise. So stehen die meisten Menschen im historischen Neurussland dem russischen Staat und der russischen Bevölkerung näher und verstehen sich als Teil der drei gesamtrussischen Völker (Groß-, Klein- und Weißrussen), die Bewohner Galiziens bspw. bestehen hingegen aus verschiedenen Ethnien: Ukrainer, Polen, Balten, Rumänen usw.

Zu den wenigen positiven Errungenschaften der Oktoberrevolution 1917 und der nachfolgenden Ereignisse gehören die Elektrifizierung und Industrialisierung des einst landwirtschaftlich geprägten, zaristischen Riesenreiches. In der heutigen Ukraine blieb der Westen bis heute von bäuerlichem Nationalismus geprägt, während der Osten zunehmend von der internationalistischen Arbeiterschicht beeinflusst wurde. Hinzu kommt der religiöse Gegensatz zwischen dem griechischen Katholizismus im Westen und der russischen Orthodoxie im Osten.

Verbunden mit der unsichtbaren Kulturgrenze - osteuropäische, westslawische und romanische Kultur im Westen und im Zentrum, ostslawische Kultur im Osten und Südosten - prallen zusätzlich die Gegensätze der Befindlichkeiten des Landvolks einerseits und derer der Arbeiterschaft sowie der Bergleute andererseits seit einer halben Ewigkeit mehr oder minder heftig aufeinander. Im Osten wurde das Konzept vom ukrainisch-bäuerlichen Nationalismus schlicht abgelehnt, im Westen setzt man nach wie vor auf die Agrarproduktion.

Eine besondere Bedeutung im Konflikt kommt den Donkosaken zu, die seit Jahrhunderten auch im Donbass siedeln. In der Vergangenheit sahen sie, selbst eher bäuerlich geprägt, aber bspw. auch in der Textilproduktion verankert, sich weder als Russen noch als Ukrainer, sondern als eigenständige Volksgruppe. Für die Garantie ihrer Privilegien (Selbstverwaltung, Eigengerichtsbarkeit, sozialer Ausgleich, Recht auf Bewaffnung usw.) standen sie im Gegenzug loyal zum regierenden Zaren. Mit der Wiedergewährung ihrer Privilegien durch den russischen Staatspräsidenten Putin wurde auch die Loyalität zu Russland im Allgemeinen und zum Kreml im Besonderen wiedererweckt, so dass sie im gegenwärtigen Konflikt fest an der Seite der pro-russischen Kräfte stehen. Auch ein wesentlicher Teil der humanitären Hilfe kommt aus den Kosakenhochburgen Rostov am Don und Krasnodar.

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Foto: Donkosaken bei Präsident Putin, lange vor dem Konflikt

Jedenfalls werden die drei Gegensätze Ethnie, Kultur und Lebensweise zwischen West- und Ostukraine auf lange Sicht unüberwindbar bleiben. Dies muss in einem Friedensprozess für den Donbass berücksichtigt werden. Um eine Autonomie für die nicht anerkannten Donezker und Lugansker Volksrepubliken, möglicherweise für weitere Gebiete, kommt niemand herum, der wirklich Frieden will.

Russen helfen Syrern

Nämlich bei deren Flucht nach Westeuropa.

Bislang nur von wenigen Flüchtlingen - allesamt Syrer - genutzt: die Polarroute. Die betroffenen Menschen begeben sich quer durch Russland in dessen nördlichsten Polarkreis und werden dort, viertausend Kilometer von Syrien entfernt, von russischen Bürgern über die Grenze nach Norwegen chauffiert.

Diese Verfahrensweise ist sogar völlig legal.

Explosion in Kiew

Nach einer Sitzung des ukainischen Parlaments hinsichtlich einer Verfassungsänderung für mehr Autonomie der aufständischen Donbass-Gebiete, während der es zu tumultartigen Szenen kam, eskalierte vor dem Parlamentsgebäude die Situation vollends.

Im Rahmen einer Protestaktion von Faschisten und Nationalisten detonierte ein Sprengsatz. Etwa dreißig Personen, vornehmlich zur Bewachung des Gebäudes eingesetzte Nationalgardisten, aber auch Journalisten, wurden teils schwer verletzt.

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Pan Poroschenko, das sind die Geister, die Sie riefen - und nicht mehr loswerden ...

EDIT:

Übrigens wurde die Novelle zur Verfassungsänderung von 265 der 368 Parlamentarier angenommen. Bei der zweiten Lesung sind allerdings 300 Stimmen erforderlich.

Während der Lesung hatten zwischenzeitlich Abgeordnete der Radikalen Partei (Vors.: Oleh Lyaschko) das Podium besetzt, so dass die Sitzung vom Rednerpult aus geleitet werden musste.

Entgegen der ständigen Verweise von westlicher Politik und Medien auf das schlechte Abschneiden der Nazi-Partei Svoboda (um die fünf Prozent) gehören etwa 25 bis 30 Prozent (rund einhundert Personen) der Rada-Abgeordneten dem rechtsextremen Spektrum an. Viele von ihnen kamen über die Wahlblocks Jazenjuks und Poroschenkos als Direktkandidaten ins Parlament.

Ein Aufreger

[fernab meiner üblichen Thematik, aber doch irgendwie passend]

Für manche Zeitgenossen wird der weiter unten verlinkte Blogeintrag von Nicolaus Fest, einst Mitglied der Chefredaktion der BILD (mit der ich selten übereinstimme), zu einem längst gewohnt gewordenen Aufschrei der Entrüstung führen, aber ganz so unrecht hat der Mann nicht.

Ein Auszug:
»Wer keine Ahnung von eigenen Werten hat, findet alle Menschen nett, egal was sie glauben, meinen, vertreten. Dem Trinker ist zum Trinken jeder recht, dem Menschen ohne Kultur jeder willkommen. Wer für nichts mehr steht, hat auch keine Gründe, andere abzulehnen.«

Zum Beitrag:
//nicolaus-fest.de/bitte-ein-bit-willkommenskultur-als-kulturverlust/

Es ist etwas Wahres dran, an Fests Aussagen, finde ich. Zumal mir das allgegenwärtige Gerede von Einheitskultur, -werten, -währung, -religionen, -meinungen, -geschlechtern usw. mitunter gehörig auf die Nüsse geht.

Meinetwegen mag also jede/r meine Ansichten für richtig oder falsch, gut oder schlecht, verständlich oder unverständlich halten ... immerhin, zumindest habe ich überhaupt noch eigene Ansichten. Diese Freiheit nehme ich mir.

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