Montag, 3. Februar 2014

Eine (un)wahre Geschichte

Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen sind beabsichtigt.

Ich diente bereits seit einigen Jahren im Kosakenkorps. Mein Regiment war nicht besonders groß und auch nicht bedeutend. Ich führte eine der sechs Hundertschaften. Wir waren in einer Provinzstadt stationiert, oberhalb eines kleinen Flusses. Eines Tages hatten wir einen neuen Regimentskommandeur bekommen: Oberst Tebarew. Viele Kameraden trauerten unserem alten Kommandeur nach, der sich immer inmitten seiner Soldaten bewegt hatte. Bald kam es zu einer Spaltung des Regiments. Oberst Tebarew, so sagten einige, gehöre nicht zu uns. Er sei nicht unser Kommandeur, sondern ein Aufpasser des weit entfernt residierenden Atamans. Ich dachte mir damals nichts dabei, solche Auseinandersetzungen gehörten, so lange sie im Korps ausgetragen wurden, zum Alltag der Kosaken. Und wenn ich gefragt wurde, auf welcher Seite ich stehe, antwortete ich beständig: »Auf keiner. Es geht mich nichts an.«

Eines Nachts wurde das Regiment aus dem Schlaf gerissen und zu einem Manöver ins Feld verlegt. Meine Hundertschaft, die beste der Truppe, bildete die Vorhut, und in der Morgendämmerung ritten wir aus. Wir fanden einen geeigneten Platz für das Lager und sicherten ihn ab. Zwei Stunden später kamen auch die fünf anderen Hundertschaften an. Die Zelte wurden errichtet, Posten aufgestellt, es gab nur Zwieback und dünnen Kaffee. Bald übergab ich meinem Leutnant das Kommando über die Hundertschaft und schlenderte zum Tross. Dort war ich oft und gern, bei den altgedienten Invaliden und den glutäugigen Marketenderinnen, bei einem ordentlichen Wodka den Geschichten aus früheren Zeiten lauschend. Und Taras der Bär, wie man mich wegen meiner Größe und Statur nannte, war dort immer willkommen.

Im Lager herrschte eine schlechte Stimmung. Beim Tross angekommen, empfing mich der alte Stabszahlmeister Bogdan Apostol mit besorgter Miene. »Setz dich, Sirko, und trink ein Wässerchen mit mir. Schlechte Zeiten, sage ich dir, nichts ist mehr so wie es war. Der neue Oberst hat das Unheil über uns gebracht.«

»Bruder Apostol spricht wahr«, sagte ein Stabsfeldwebel mit drei Narben aus drei Kriegen im Gesicht und starrte düster in seinen Becher. »Da haben wir einen bekommen, den niemand will. Er gehört nicht zu uns, er ist ein Fremder. Er sammelt goldenen Schnickschnack. Das ist völlig unsoldatisch. Und er kann nicht mal die Truppe richtig führen. Schau dir nur sein Zelt an, Brüderchen Sirko, es ist dreimal so groß wie die anderen.«

»Und darunter ist ein aus Edelholz errichteter Unterstand mit zwei Badewannen und drei Latrinen«, bemerkte kichernd die rothaarige Marketenderin Ksenia.

»Er soll auch in die Regimentskasse gegriffen haben, weil der Kommandeurshaushalt für seinen immensen Geldbedarf nicht ausreicht«, behauptete ein junger Unterfähnrich, der die Trosswache kommandierte. »So einer kann uns doch nicht anführen.«

»Das sind doch bloß Gerüchte«, knurrte ich und bekundete ein weiteres Mal: »Mir ist es egal, wer das Regiment führt. Und so gewaltig ist das Zelt des Obersten auch wieder nicht.« Mir war dieses Gespräch unangenehm. Nicht wegen des Obersten, mit dem ich noch nie ein Wort gewechselt hatte, sondern wegen der Gefährdung der Einheit des Regiments. Es tat mir weh, es derart zerrissen zu sehen. Denn ich liebte es sehr.

Lange blieb ich heute nicht beim Tross, sondern ging nach nur einer Stunde zurück zu meiner vertrauten Hundertschaft. Dort war ich beliebt, weil ich immer ein offenes Ohr für meine Jungs hatte, ihnen stets voraus war, wenn es ins Feld ging, und alle Entbehrungen mit ihnen teilte. Ganz anders als der Oberst dachte ich, wischte den Gedanken aber schnell beiseite. Nein, ich würde neutral bleiben. Sachlich, gerecht.

Die Stimmung verschlechterte sich von Stunde zu Stunde. Oberstleutnant Elzin, der Stabschef, inszenierte sogar eine Meuterei. Gegen Mittag erschien ein Stabsoffizier des Atamans im Lager und gegen Abend setzte sich der Oberst zum Hauptquartier des Kosakenkorps ab, verfolgt von einem Mob aus feindseligen Zivilisten. Noch immer war ich der Meinung, es ginge mich nichts an. Doch bald sollte ich mich positionieren müssen.

Der Divisionskommandeur, ein langgedienter und im gesamten Korps äußerst verehrter Generalleutnant, führte eine Untersuchung durch und lud alle Offiziere, Fähnriche und Stabsfeldwebel vor. Auch ich saß auf einer der langen Bänke, die man für die Wartenden aufgestellt hatte, eingequetscht zwischen meinem Leutnant und Major Püttko, einem Mann mit vielen Orden und vielen Titeln. Sein Lieblingswort, das er in jedem zweiten Satz verwendete, war konservativ. »Hör mal, Sirko", raunte der Major mir zu, »jetzt können wir dem Tebarew eine auswischen, ihn vielleicht sogar vertreiben. Du sagst doch gegen ihn aus. Oder? Du weißt doch selbst, dass er nicht zu uns passt. Es soll dein Schaden nicht sein, wenn du dich auf unsere Seite schlägst.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Was geht es mich an, Püttko?«, murrte ich. »Mir ist es egal, wer unser Oberst ist.« Schon döste ich weiter, begutachtet von den ärgerlichen Blicken des hochdekorierten Majors.

»Hauptmann Sirko«, schnarrte irgendwann die müde Stimme eines Adjutanten. Ich war einer der letzten, die zum General beordert wurden. Meinen Körper straffend betrat ich das Zelt des Generals. Der Divisionskommandeur wirkte angespannt, und hinter ihm, einen Galgenstrick in der Hand, stand Oberstleutnant Elzin, der Chef des Regimentsstabs. Ich durfte mich setzen. Der General stellte Fragen über Fragen, aber ich schwieg. Taras der Bär, Sirko der Bequeme. Mir lag es fern, mich in diesem Konflikt einzumischen. Ohnehin scheute ich die Öffentlichkeit und hielt mich gern zurück, abgesehen von gelegentlichen, spöttischen Bemerkungen.

»Hauptmann Sirko, Sie müssen doch eine Meinung haben«, bedrängte mich der General verärgert. »Sie sind ein guter Offizier. Einer der besten in der Division. Aber jetzt und hier geben Sie ein trauriges Bild ab. Oberstleutnant Elzin findet, Oberst Tebarew fügt mit seiner Führungsschwäche dem Regiment Schaden zu. Und Major Püttko nennt ihn einen Lügner. Das kann Sie doch nicht kalt lassen. Also, Sirko, was haben Sie mir zu sagen?«

Ich schwieg weiter. Um keinen Preis wollte ich mich äußern. Doch plötzlich fiel mir eine Soldatin ein. Leutnant beim Korpsstab, klein und zierlich. Sie war sehr klug und konnte wundervolle Texte verfassen. Manchmal ließen ihre Emotionen sie über das Ziel hinausschießen, doch stets korrigierte sie sich. Im Grunde genommen begegnete sie jedem Menschen wohlwollend, auch wenn viele es nicht merkten. Nur mich konnte sie nicht leiden, weil ich bisweilen aufbrausend und ruppig war. Sie hatte sich nicht davon abhalten lassen, Oberst Tebarew zu verteidigen und sich dabei eine blutige Nase zu holen. Jedenfalls, so regte ein Gefühl in mir, konnte ich mir den Schneid nicht von einem Mädchen abkaufen lassen. Ich bat den General frei sprechen zu dürfen. Er nickte überrascht.

»Bei allem Respekt, Herr General«, begann ich, mich erhebend und dem General entgegentretend, »als ich in das Korps eintrat, wurden mich Werte gelehrt. Ehre und Tapferkeit, Loyalität und Kameradschaft, Güte und Mitgefühl. Diese Werte, Herr General, sind das Fundament unseres Handelns, sagte man mir. Gilt das heute nicht mehr? Ist es eines Kosaken würdig, den Galgen für den Kameraden zu errichten, der noch nicht einmal angeklagt ist? Ist es würdig, einen der Unseren unter dem lüsternen Geschrei der Gegner mit der Nagaika aus der Garnison zu treiben? Sie wissen, Herr General, dass ich die Dienstvorschriften oft sehr weit auslege, aber dass mir die Werte des Korps über allem stehen. Wer, sagen Sie, wer sind wir noch, wenn wir dem Gestrauchelten nicht mehr aufhelfen, dem Verfolgten nicht länger Zuflucht bieten, den Schwachen nicht weiterhin schützen und dem Beschuldigten nicht seine Rechte zusichern? Der Oberst mag gefehlt haben. Wie wir alle. Dennoch ist er einer von uns. Es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihm beizustehen in seiner Not. Dies sollten wir bedenken. Wir sollten ihm helfen und ihn nicht verjagen. So lautet meine Meinung.«

Ich sah Oberstleutnant Elzin purpurrot anlaufen. Den Galgenstrick um so fester packend, schnappte er nach Luft. Der General lächelte kaum merklich. »Sie können gehen, Hauptmann Sirko. Ich werde Ihre Worte berücksichtigen, bevor ein Urteil gefällt wird.«

Ich verließ das Zelt, stieg auf mein Pferd und galoppierte davon. Statt zum Tross weiterzureiten, verharrte ich auf der Anhöhe über dem Fluss. Ich fühlte mich verlassen. Einsam und leer. Wie würden die Jungs meiner Hundertschaft reagieren? Würde ich der beliebte Anführer bleiben? Ja, sie würden mich verstehen. Nach einem letzten Blick auf die abendliche Silhouette der Stadt vor dem prächtigen Abendrot spürte ich nunmehr das süße Gefühl der Freiheit. Es war Zeit für einen Wodka. Heute hatte ich ihn mir redlich verdient.

ENDE

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